Samstag, 03 August 2013 11:04

Narzissmus verstehen

Narzissmus bezeichnet eine Erlebens- und Verhaltensweise gesunder Menschen, ist also per se nichts krankhaftes. In der Kindesentwicklung tritt er natürlicherweise auf und geht dann auf der Grundlage interpersoneller Kommunikation und des entsprechenden
Feedbacks verloren, - meist. Erst bei sehr starker Ausprägung und wenn die soziale Funktionsfähigkeit gestört ist, der Narzissmus ein durchgängiges Prinzip in allen Teilbereichen des Lebens wird, bekommt der Narzissmus Krankheitscharakter und zählt dann zu den sogenannten Persönlichkeitsstörungen: die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Solche Probleme führen meist nicht direkt in die Praxis des Psychiaters oder Psychotherapeuten, sondern über andere Fachdisziplinen, z.B. den Schmerztherapeuten, der in in der Persönlichkeitsstörung einen Faktor erkennt zur Schmerzaufrechterhaltung und -verstärkung.

Narzissmus ist am leichtesten zu verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß er sich aus zwei Polen zusammensetzt, unter denen sich zahlreiche Symptome einordnen lassen, der grandiose Pol, gekennzeichnet durch hohe Selbstwertschätzung und der vulnerable Pol, gekennzeichnet durch ein hohes Ausmaß an Kränkbarkeit.

Zum grandiosen Pol: Narzissten haben eine übersteigerte Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit und Einzigartigkeit. Dabei neigen sie dazu, die eigenen Leistungen und Fähigkeiten überzubewerten und erwarten, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt und bewundert zu werden. Sie erliegen Phantasien grenzenlosen Erfolges, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe. Darauf basierend legen sie ein ausgeprägtes Anspruchsdenken an den Tag mit übertriebenen Erwartungen an bevorzugte Behandlung und automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen, sodaß die Umgebung sie als arrogant und überheblich wahrnimmt. Das geht so weit, daß sie sich in zwischenmenschlichen Beziehung ausbeuterisch verhalten, d.h. Nutzen aus anderen ziehen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Sie zeigen sich nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Neid, der entweder auf andere gerichtet oder anderen projektiv zugeordnet wird.

Zum vulnerablen Pol: es zeigt sich eine Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, ein Ausdruck hoher Empfindsamkeit, Verletzbarkeit und Scham. Die Umwelt wird akribisch auf mögliche Kränkungen und Kritik untersucht und die vermeintlichen Verursacher unnachgiebig und mit unangemessener Härte verfolgt. Angst und Depression sind häufige zusätzliche Behandlungsgründe.

Die Entstehungsursachen werden uneinheitlich, zum Teil sogar kontrovers diskutiert. Otto Kernberg, ein Vertreter der Objektbeziehungstheorie sieht im Narzissmus einen Bewältigungsversuch für Einbrüche im Selbstwertgefühl als Folge emotionaler Entbehrung und Kühle in der Kindheit, während Kohut (Selbstpsychologie) eine Entwicklungsstörung verantwortlich macht, die als eine fehlende Ablösung vom normalen entwicklungsbedingten Narzissmus gesehen werden muß. Benjamin, der auf dem Gebiet der interpersonellen Psychotherapie forscht und arbeitet, macht einen betont selbstlosen und sich den Bedürfnissen des Kindes unterwerfenden Erziehungsstil der Eltern für die Entwicklung des Narzissmus verantwortlich und Millon und Everly (lerntheoretisches Modell) gehen noch weiter: es sei eine Überbehütung und übertriebene Aufwertung des Kindes, die zu den narzisstischen Erlebens- und Verhaltensweisen führt. In der kognitiven Verhaltenstherapie (Beck und Freeman) geht man davon aus, daß Abwertungen, Vernachlässigungen und Beschämungen durch narzisstisches Verhalten kompensiert werden.

Eine medikamentöse Therapie des Narzissmus gibt es nicht. Wenn Angst und Depression beteiligt sind, eröffnet sich dadurch eine Therapieoption mit Anxiolytika und Antidepressiva oder bei entsprechender Schwere auch eine gezielte Depressionstherapie. Die psychotherapeutische Behandlung zielt auf die Einsicht des Patienten in die Funktion seiner narzisstischen Verhaltensweisen, die ihn davor schützen soll, den vulnerablen Pol allzu schmerzhaft zu empfinden. Die soziale Verträglichkeit wird gefördert durch ein Abtrainieren narzisstischer Verhaltensweisen und gezielte Arbeit an der Beziehungsfähigkeit durch das Erlernen prosozialer Kompetenzen (z.B. Loben, Zuhören, Empathietraining). Das narzisstische Erleben kann beeinflußt werden durch einen bewußt-achtsamen Umgang mit Abwertung, Kritik, Kränkung, Scham, Angst, Traurigkeit und Ärger.

Die Prognose verschlechtert sich bei fortgesetztem beruflichem Versagen, Drogen- und Alkoholmißbrauch, bei selbstdestruktiven Zügen, Beziehungsabbrüchen und wenn eine weitgehende soziale Unverträglichkeit entstanden ist. Peter Tamme http://www.online-artikel.de

EasyCookieInfo

Beliebte Artikel

  • 1

Welt Frauen

  • 1