Mittwoch, 31 August 2016 13:44

Test: Dragon Age: Origins

Früher hatte man Respekt vor ihnen. Sie fesselten für Wochen, bargen unendliche Geheimnisse und mit den schweren Handbüchern konnte man Geschwister verjagen. Heutzutage sind Rollenspiele nur noch selten so faszinierend wie diese

Vampire. Umso größer war die Überraschung, als eine blutrote Kreatur über meinen Schreibtisch flatterte, mich in Dunkelheit hüllte und gnadenlos zubiss - die Zähne hinterließen eine Narbe mit neun Buchstaben: Dragon Age. Der Beginn einer euphorischen Wandlung?
Blutrote Hoffnung

Das war ein süßer Schmerz. Denn schon mit dem ersten Tropfen Blut mischte sich die Hoffnung auf ein düsteres Epos. Immerhin gibt es nach so vielen Jahren endlich wieder Fantasy von BioWare! Und das, nachdem die Genre-Lady so viele jahre mit so viel Kloppmist vergewaltigt wurde: Dungeon Lords, Dungeon Siege, Dungeon Dreck. Und vor allem gibt es endlich wieder eine Party! Man war in letzter Zeit so oft alleine unterwegs, dass man sich die Zeiten à la Wizardry regelrecht zurückgesehnt hat - lediglich auf dem DS konnte man dem kollektiven Gruppenfetisch u.a. in Etrian Odyssey frönen. Also: Das kann doch nur grandios werden, oder? Okay, eine kleine Warnung für übereifrige Allesbesteller: Den kürzlich erschienenen Roman "Der gestohlene Thron" von David Gaider sollte man möglichst nicht lesen, wenn man sich erzählerisch einstimmen will. Schrecklich, wirklich ganz schrecklich. Er führt zwar in die Vorgeschichte Fereldens sowie die königlichen Hintergründe ein, aber er ist so inkonsequent übersetzt und schlecht geschrieben, dass die "Vergessenen Welten" von R.A. Salvatore dagegen wie Weltliteratur glänzen. Ich wollte eigentlich eine Rezension anbieten, aber unser Format heißt "Buchtipp für Gamer". Dass weitere Bände angekündigt sind, sorgt umgehend für Fluchtreflexe...

BioWare umgibt Dragon Age mit Büchern, Brettspiel, Browsergame...
Aber was soll's? Hier geht es ja nicht um Romane, sondern um virtuelle Abenteuer. Und die Kanadier geben schon im Vorfeld mächtig Gas, um Ferelden als zukunftsfähigen Rollenspielplatz zu etablieren; man wundert sich ja bereits, dass noch kein Film oder iPhone-Ableger angekündigt wurde. BioWare veröffentlicht nämlich nicht nur Bücher, dazu eine "easy to use" Pen&Paper-Variante seiner Fantasywelt sowie den Character Creator und ein Community-Magazin, sondern auch ein Browsergame. Damit kann man sich wiederum gut einstimmen und bekommt einen klitzekleinen Vorgeschmack auf das Menüdesign oder das Kampfsystem eines Spiels, das am 5. November auf PC, Xbox 360 und PlayStation 3 begeistern soll.

Und natürlich ist man auch darüber hinaus ganz en vogue mit Fallout 3  & Co: Satte zwei Jahre will man die Lebenszeit der Welt mit Zusatzinhalten vom Item über Quests und Erweiterungen verlängern. Wenn die Qualität des Hauptspiels stimmt, dann ist dagegen auch nichts einzuwenden. Dazu kann dann auch die Community beitragen, denn es wird einen mächtigen Editor geben, mit dem man à la Neverwinter Nights eigene Abenteuer kreieren kann. Dieses Tool sorgte damals schon für einige erstklassige Module abseits des Hauptspiels und dürfte private Dungeon Master zum fleißigen Basteln animieren.

Die Spannung steigt, die Hoffnung bleibt und alle Welt ist neugierig. Ist das wirklich der geistige Nachfolger von Baldur's Gate , der ohne D&D-Lizenz und mit eigenem Regelwerk punkten kann? Wird das ein hochprozentiger Rollenspielwinter? Da wir aufgrund eines Embargos von Electronic Arts theoretisch erst am kommenden Dienstag den Test plus Wertung anbieten dürften, haben wir uns gedacht, dass wir ihn aufteilen: Heute gibt es den ersten Teil, der sich vor allem auf die PC-Version konzentriert; am Montag den zweiten Teil, der die Unterschiede der Konsolen samt Videovergleichen bespricht; am Dienstag servieren wir schließlich Pros, Kontras, Fazit und natürlich die Wertung. Also hinfort mit Roman, Pen&Paper, Terminkrims und Browserkrams, auf nach Ferelden!



Das Rollenspiel beginnt

Der süße Schmerz ist wieder da. Diesmal ist es die Qual der Wahl. Wann konnte man das letzte Mal sechs Einstiege spielen? Und dazu welche, die sofort Emotionen wecken - denn egal, für welche Rolle ich mich entscheide: Die Kanadier appellieren von Anfang an sehr geschickt an Gewissen und Moral. Als kastenloser Zwerg wird man damit konfrontiert, dass die eigene Schwester anschaffen gehen soll; als junger Magier damit, dass man nach erfolgloser Prüfung mal eben exekutiert wird. Da macht man sich Gedanken, da beginnt das Rollenspiel, denn es geht dramatisch zur Sache. Ich kann mir aussuchen, wer ich sein will und die Spielwelt reagiert darauf - sehr schön! Weniger Euphorie löst schon in diesen Einstiegen die veraltete Kulisse aus, denn die Figuren agieren vor schwachen Hintergründen, Rüstungen und vor allem Waffen wirken  wie LARP-Prügel und damit nicht plastisch genug, man beobachtet hier und da Clippingfehler wie Arme, die plötzlich in Beinen verschwinden. Sind da tatsächlich die Entwickler am Werk, die mit Jade Empire so ein exotisches Gemälde zauberten und mit Mass Effect 2 bisher so überzeugen? Oder kann die Grafik später noch auftrumpfen? Und falls nicht: Reichen die inneren Werte, um das auszugleichen?

Die Faszination der Charaktererschaffung: Je nachdem, für wen ihr euch entscheidet, warten sechs spielbare Einleitungsgeschichten.
Dieser idealistische Optimismus ist das Wappenschild echter Rollenspieler und durchaus angesagt: Denn schon mit der Charaktererschaffung kann man Stunden verbringen, obwohl es nur drei Völker und drei Klassen gibt. Und obwohl dieses System auch sonst deutlich einfacher aufgebaut ist als das D&D- Regelwerk, da man weder Zaubersprüche auswendig lernen noch über Schriftrollen archivieren oder rasten muss, um zu regenerieren, findet man all das, was Fantasy alter Schule eben ausmacht: Es gibt Mana, Lebenspunkte sowie prozentuelle Chancen auf Treffer. Nur Magier dürfen Stäbe tragen, Zwerge sind von Natur aus resistent und daher selbst nicht für arkane Berufe zugelassen. Auch die Karriere läuft klassisch ab: Man sammelt Erfahrung über Kampf und Quests, steigt im Level von 1 bis maximal 20 auf, kann sich auf Stufe 7 und 14 bei jeder Klasse für je eine von vier Spezialisierungen wie Berserker, Formwandler, Barde, Waldläufer oder Blutmagier entscheiden und verteilt die gewonnenen Punkte entweder manuell oder lässt das automatisch regeln. Und keine Bange: Alle Gefährten, die man im Lager lässt und nicht aktiv in Quests mit einbezieht, gewinnen trotzdem an Erfahrung - die zickigen Herrschaften da oben meine ich, die sich für ein Gruppenfoto für einen Augenblick als verschworene Einheit präsentierten.

 

Mehr: http://www.4players.de

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